..lese ich in einem Buch über Naturheilkunde. Ich glaube nicht, das meine Mama das Buch angesehen hat, bevor sie es mir geschenkt hatte. Es geht darum zurück zu sich selbst zu kommen..
Lange denke ich über diese eine Frage nach.. dazu: "Wer hat mich so sehr verletzt".. und in der Stille, kommen mir Bilder vor meine Augen. Bilder, welche ich Jahrelang nicht mehr gesehen habe, verdrängt habe - welche doch auch heute noch unendlich schmerzen.
Ich, 6 oder 7 Jahre jung, lange blonde Haare. Liege in meinem Bett. Nach meinem Gefühl ist es 22:00h / 22:30h.. und ich kann nicht schlafen, mein Papa ist noch nicht zu Hause. Der, den ich doch immer vergöttert habe, obwohl er mich (25 Jahre später - wurde es mir bewusst) nur mehr als schlecht behandelt hatte. - Ich höre das die Haustüre aufgesperrt wird, Mama ist schon lange in ihrem Bett. Schläft. Meine Zimmertür ist angelehnt und leise höre ich das Ticken meines Weckers. Morgen ist Schule, ich freue mich. Höre unten in der Küche und im Wohnzimmer Geräusche. Geräusche von Essen, Schüsseln, klapperndem Besteck. Es ist kalt, in meinem Zimmer. Das Fenster ist gekippt und es ist Winter. Man schläft so besser, sagt Mama immer. Langsam bekomme ich es mit der Angst zu tun. Die Geräusche werden lauter. Ich höre genau, das mein Vater betrunken ist. Wie immer, wenn er so spät nach Hause kommt. Wie immer, eigentlich jeden Tag. Langsam krieche ich aus meinem Bett, zitternd und mit einer kleinen Wolldecke in der Hand krieche ich von meinem Bett unter mein Bett. Und so liege ich da, warte gefühlt Stunde um Stunde. (In meinem Kinderkopf vergeht die Zeit ewig langsam). Irgendwann stapft er die Treppe nach oben und geht - nicht wie erhofft in sein Schlafzimmer, sondern in meines. Wirft sich in mein Bett. Über mir knackt und knarzt der Lattenrost. Ich bete, hoffe und flehe das dieser nicht über meinem Kopf zusammen bricht und 120 betrunkene Kilos mich erschlagen. Ich frage mich, ob er sich nicht die Frage stellt, wo ich bin. Innerhalb weniger Minuten, schläft er ein, wälzt sich immer wieder von links auf rechts. Ich habe pure Angst, mein Herz schlägt mir bis zum Hals und gefühlt noch viel weiter. Meine Hände spüren die Staubflusen unter meinem Bett. Mein Kuscheltier und meine dünne Decke in der Hand zittere ich. Wünsche mir, das es vorbei ist, das irgendjemand kommt und mich unter dem Bett hervorzieht und mir sagt "es ist vorbei". Doch niemand kommt. Wieder vergehen gefühlte Stunden. Der Lattenrost über mir knarzt immer bedrohlicher. Dabei war er doch schon in der Vergangenheit von meiner Mama mit Klebeband wieder geflickt worden, nachdem mein Vater sich in mein - damals komplett neues ! - Bett fallen lies. Er schrie damals meine Mutter an, grundlos während sie es fixte. Irgendwann, stand er auf und ging ins Bad und anschließend in sein Bett. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich trauen sollte aufzustehen um mich wieder in mein Bett zu legen, ob er wieder kommen würde und - heute denke ich mir, was wollte er von mir - Nachts, in meinem Bett.
Bilder, schießen mir in meinen Kopf, ich im Bett liegend, klein, jung. 10 Jahre. Mein zarter Körper unter der Bettdecke, ich rutsche immer weiter zur Wand, stopfe Kuscheltiere unter die Decke, welche meinen Körper imitieren sollen - liege fast im Spalt zur Wand, atme ruhig und leise. Innerlich, schlägt mir das Herz zum Hals, wie schon so oft in meiner Vergangenheit habe ich Angst - Angst um mein Leben. Panik davor, das du irgendwann, aus reinem Hass auf alles und jeden, im Suff mit einem Messer - länger als mein kindlicher Unterarm ist - vor mir stehen würdest und auf mich einstichst, einstichst und mich tötest. Tötest weil ich wieder etwas nicht nach deinem Willen getan habe, zu laut geatmet habe, zu falsch geschaut habe. Die Noten in der Schule zu schlecht waren oder du irgendeinen anderen Grund dafür gefunden hättest. Ich lag im kalten. Die Wand, war kalt. Ich fror. Du kamst nie, doch ich - konnte auch nicht eher schlafen, ehe du in deinem Bett gelegen hast. Und dann.. wackelte auch noch dein Bett - euer Bett, heute weiß ich - das vieles von damals, auch von Seiten meiner Mutter, nie auf freiwilliger Basis passierte. Heute, muss ich damit leben. Mit den Erinnerungen, die nur ein einziger Satz, in mir auslöste.
Du hast mich angeschrien, gebrüllt. Meine Noten schlecht, meine Figur - zu dick. Wir haben dich eben aus dem Wirtshaus geholt, wieder einmal konntest du nicht mehr gehen, musstest gestützt und zum Auto getragen werden. Schon unter der Heimfahrt, hast du meine Mutter angeschrien, angebrüllt. Ihr ins Steuer gegriffen und das Auto in Richtung Brückengeländer gelenkt. Ich hatte, Todesangst. Ich war 14. Ich dachte, ich würde nun sterben. Wollte die Autotür aufreissen und aus dem noch fahrenden Wagen springen und davon laufen, doch innerlich hatte ich Angst du würdest Mama etwas antun. Und so, schwieg ich, ertrug ich - immer in der Hoffnung, dazwischen gehen zu können, falls du ihr etwas antun wollen würdest.
Schnitte, Blut, mein linker Unterarm. Kratzer, zu beginn. Wieder einmal angeschrien, vor der gesamten Verwandtschaft, an deinem Geburtstag. Zuvor in einer Zeitschrift, etwas über Selbstverletzung gelesen. Ich nahm die Nadel und kratzte den gesamten Unterarm entlang. Kratzte bis das Blut aus meinem Arm lief, verspürte so viel Druck, sah im Dunkeln aus meinem Zimmerfenster im 1. Stock hinab, doch konnte nicht springen. Meine Mutter, nicht alleine lassen. Ich konnte nicht. Stattdessen, lieber bestrafen und mich spüren, weiter kratzen und bald darauf.. schneiden. 15.
Stille, wochenlang. Du sprachst nicht mehr mit mir. Ich war 16, wollte lediglich einen Schluck Grapefruit Weizen probieren, hab die Flasche geöffnet, wollte nur den Geschmack kennenlernen. Den Rest, weggeschüttet. Du hast die Flasche in meinem Zimmer gefunden, versteckt. Die Frage, warum du in meinem Zimmer herumsuchst, war unwichtig. Denn ab diesem Zeitpunkt, hast du über vier Wochen mit mir geschwiegen. Es war stille. Du sprachst das allernötigste, ich konnte mich bemühen, wie ich wollte. Ich schnitt, kotzte, trieb exzessiv Sport. Sit Ups, von 21-22 Uhr. Täglich. Tiefpunkt.
Ich dissoziierte, schlug mich, schlug meinen Körper gegen Gegenstände, Wände. Schnitt tiefer denn je. Steckte Nadeln in meine Gelenke, wollte an der Blutvergiftung sterben.
Googelte Kliniken und Suizidmöglichkeiten gleichzeitig. Ich wollte einfach, erlöst werden.
...mir fehlte es an nichts, denke ich heute. Außer, an Liebe, Schutz und Geborgenheit, was sich schon mein jüngeres Ich - zu tiefst gewünscht hätte. In den Arm genommen zu werden und gefragt werden, was denn los sei.
Heute, bin ich 31, lebe seit 12 Jahren in meiner eigenen Wohnung, habe einen Camper und habe einen Job. Gehe zum Sport, habe Freunde und einen Ausgleich. Ich liebe mein Leben, immer, wäre übertrieben gesagt, ich akzeptiere es - aber danke, das ich überleben durfte.
S. - Danke, für deine Klarheit und den Ärger den du mir verpasst, wenn ich's übertreibe..
S. - Danke, für Ihr Auge, das Sie immer wieder - meist auch unbemerkt, auf mich werfen.
M. - Danke, das du immer wieder auf mich schaust! Danke, das du mich noch länger "haben möchtest." mehr Wertschätzung, geht grad einfach nicht.